Mit #cs4all #PflichtfachInformatik die Kopernikanische Wende2.0 angehen – heute lernen, wie morgen gedacht wird

In unregelmäßigen Abständen berichten wir in unserer Rubrik “Aus den Ländern” über Initiativen, Veranstaltungen und Debatten aus dem Bereich Innen- und Netzpolitik in den Bundesländern. Heute freuen wir uns über einen Crosspost von Richard Ralfs, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Medien- und Netzpolitik in Nordrhein-Westfalen und Co-Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Medien- und Netzpolitik von Bündnis 90/Die Grünen. Den Originalbeitrag findet Ihr auf der Homepage von Richard, auf der er regelmäßig über netzpolitische Debatten in NRW und darüber hinaus berichtet.  

Nach KANTs „Revolution der Denkart“ durch die Mathematik und Naturwissenschaften folgt nun die Revolution unseres Denkens durch die Digitalisierung und damit die Notwendigkeit, uns dieses neue Denken durch frühe und umfassende Integration von Informatik in unsere Bildungssysteme anzueignen.

Schon wieder eine Begriffsschöpfung mit Versionsnummer. Nach „Web2.0“ durch user generated content und social media oder „Industriealisierung4.0“ als vierte industrielle und damit gesellschaftliche Revolution durch die allumfassende und disruptive Digitalisierung und Vernetzung, nun also „Kopernikanische Wende2.0“. Nervt irgendwie. Aber solche Begriffsschöpfungen mit Versionsnummer wie bei Softwareupdates sind auch eine wunderbare Metapher für die Durchdringung unseres Lebens und Denkens durch die Digitalisierung, um die es mir hier im weitesten Sinne geht. Und im engeren Sinne als Metapher für die neue/andere Epistemologie, für die neue Strategie des Denkens und Ergründens, die wir dringend lernen und somit in unsere Bildungssysteme integrieren müssen, weil sie so elementar für Homo Sapiens sein wird, elementar für unsere Mündigkeit und Weiterentwicklung in und gegenüber zukünftigen Gesellschaften.

Als Medien/Netz-Kümmerer auf NRW-Landesebene und auch der Bundesebene der GRÜNEN ist für mich seit 2009 die Digitalisierung und Vernetzung DAS große politische Thema. Nichts bleibt unbetroffen davon und seit Jahren spreche ich daher von der Netzpolitik als der Umweltpolitik von morgen, denn wie die Umweltpolitik für uns GRÜNE das große Querschnittthema der durch Ressourcenverbrauch definierten bisherigen industriellen Revolution war, so ist die Politik rund um die Digitalisierung das große Querschnittthema der heranwachsenden Kommunikations- und Datengsellschaften. Denn in der Netzpolitik werden die Chancen/Risiken thematisiert, die unser zukünftiges Zusammenleben definieren werden, die gesellschaftlichen Entwicklungen, durch Daten getriebene, durch Code, Vernetzungsarchitektur und Algorithmen gestaltete Lebenswelten von morgen.

Hat man das akzeptiert und die großen Netzthemen die letzten 7 Jahre fleißig durchgekaut, politisch Positionen gefunden und Stellung bezogen, mit GRÜNEM Leitantrag zur Netzpolitik das kommende/aktuelle große Querschnittthema unserer gesellschaftlichen Zukunft grundlegend umrissen und gar einen „Gesellschaftsvertrag 2.0“ ausgerufen und begonnen zu bearbeiten, hat man als Partei schon viel geschafft. Weit mehr, vor allem systematischer und umfassender, als ich es bei anderen Parteien beobachten kann. Ist man aber auch Vater, hat 7 Jahre eine Montessori-KiTa ehrenamtlich geführt und noch viele entwicklungs- und sozialpsychologische Blickwinkel, soziologisches und medien-/kommunikationswissenschaftliches Denken aus den Studienzeiten im Kopf, dann wird einem irgendwann klar, dass die ganz große Conclusio aus all der Beschäftigung mit der digitalen Revolution noch gar nicht angekommen ist, politisch aber eigentlich das große Thema sein müsste: Wie bereiten wir die zukünftigen Generationen auf diese schöne neue digitale Welt vor, vermeiden digitale Unmündigkeit?

Anlässlich der zwar preisgekrönten, aber sehr auf Medienanwendung und Medienkompetenz fokussierten, also auf einen geübten, bewussten und wissenden Umgang mit den digitalen Medien von heute abzielenden Einführung und Weiterentwicklung des Medienpasses in NRW stelle ich mir – wie viele Netzpolitiker/-Aktivisten und Kulturwissenschaftler rund um den Globus angesichts der jeweiligen lokalen Bildungssysteme – die Frage, ob das reicht. Denn die allgegenwärtige und noch viel größer am Horizont erscheinende Disruption durch die Digitalisierung erfordert doch augenscheinlich, wenn man ein/zwei Schritte weiter denkt, weit mehr als geübte Medienanwendung, als Medienkompetenz. Ja, der Medienpass in NRW ist in seinem Feld herausragend. Er funktioniert und hilft im Heute vorbildlich. Dickes Lob. Für das Morgen aber müssen wir nicht nur user, sonder auch creator sein. Wir müssen alle (auch) wissen, wie digitale Maschinen und Prozesse funktionieren, wie Digitalisierung funktioniert, wieinformatische Modulation, also die Bearbeitung der Welt durch Code und Algorithmen, Schaltkreisarchitektur und Vernetzung funktioniert. Wir brauchen ein Grundverständnis von den informatischen Grundlagen und Prozessen unserer zunehmend digital codierten Welt. Denn alles ist digital/Code/Vernetzung und digital/Code/Vernetzung ist alles in unseren zukünftigen Lebenswelten. Und fast alle Industrieländer haben die elementare Bedeutung von Informatik (nicht etwa nur Medienkompetenz) für den Wandel, in dem wir bereits mitten drin stecken, erkannt und mit #cs4all, #Pflichtfachinformatik, etc. begonnen, entsprechend ihre Bildungssysteme anzupassen. Wir verlieren hier gerade den Anschluss.

Informatik für alle ist deshalb so wichtig, weil es so grundlegend ist. Denn es geht dabei nicht etwa (nur) um das Erlernen von Programmsprachen, um‘s Coden, sondern zunächst und grundlegend um ein qualitativ neuartiges/anderes Denken bzw. intellektuelles Erfassen und Bearbeiten der Welt und der Dinge in Form des informatischen Modellierens, also dadurch, dass durch Codes, Vernetzung, Algorithmen und Schaltkreisarchitektur Ideen/Ziele mittels Maschinen in Wirklichkeit/Physik verwandelt wird, also Welt und Dinge durch 1und0-Lese-Umsetzautomatenkonstruiert und bearbeitet werden. Und darum, dass wir diese (grundlegend) beherrschen müssen, um master of the machine und Souverän in der digitalen Gesellschaft bleiben zu können.

Wissenschaftlich haben zur Besonderheit der Informatik für unser Weltbegreifen und Welteingreifen im deutschen Sprachraum vor allem GÖRLICH und HUMBERT gearbeitet. Ergebnis ist die Feststellung einer Art metawissenschaftliche Eigenschaft der Informatik. Eine neuerliche kopernikanische Wende oder Revolution des Denkens, könnte man zuspitzen. Politisch aber müssen nun wir, die jetzige Generation an politischen Kümmerern daran arbeiten. Und dazu will ich hier aufrufen und Unterstützer gewinnen. Weil die Basis digitaler Gesellschaften, die Informatik mit ihren theoretischen Grundlagen, viel wichtiger für die derzeitige 4. industrielle Revolution ist, als es z.B. Physik, Chemie und Biologie für vorherige industrielle und gesellschaftliche Umbrüche waren. Denn die Digitalisierung betrifft und Informatik behandelt eben nicht nur Techniken oder Gesetzmäßigkeiten, sondern etabliert ein neues/anderes Denken, eine neue Logik und Epistemologie, die wir wie eine neue Dimension der Aufklärung verstehen müssen. Informatik kann man dann nicht im MINT-Kanon mit irgendwelchen naturwissenschaftlichen Fächern gleichsetzen. Bei der Informatik geht es viel mehr um eine, nein um DIE neue Kulturtechnik der Evolutionsform Homo Sapiens. Der Vergleichspunkt ist damit in Bezug auf Bildung und gesellschaftliche Evolution nicht weniger als die Einführung der Schriftsprache: Es geht um so etwas wie das Lesen, Schreiben, um Grammatik und Rechtschreibung, um Semantik und Textformen des Digitalen. All das haben wir für die digitale Gesellschaft  und Gesellschaftsgestaltung und für eine breite Teilhabe in digitalen Gesellschaften zu lernen, in unsere Bildungssysteme zu integrieren.

Und dafür bedarf es (1.) des Einfließens basale Prinzipien der Informatik bereits im KiTa-Bereich, etwa durch geeignetes Spielzeug, wie es z.B. aus der MONTESSIRI-Pädagogik bekannt ist (erfahrendes Lernen von Sortieren, Reihungen, Parallelen etc.). (2.) Müssen wir ein Pflichtfach Informatik ab der Grundschule mit 2 Wochenstunden einführen. Auch hier muss es zunächst um sehr elementare Zusammenhänge gehen (Grundlagen der Theorie der Informatik an Beispielen aus der Natur), und dann zunehmend um erste Experimente und Erfahrungen mit Schaltkreisen und Lerncomputern. Dies dann zunehmend systematischer, gipfelnd in Sachaufgaben, in denen durch informatische Modellierung vorgegebene Ziele zu erreicht versucht werden und kreativ verschiedene Lösungen alternativ gezeigt/erarbeitet werden müssen. Für die KiTa und die Grundschule ist dabei noch kein ausgereiftes didaktisches Konzept verfügbar, HUMBERT und andere sind aber dabei.

Für die weiterführenden Schulformen, von Gesamtschule bis Gymnasium, parallel (anwendungs- und berufsbezogener) für die Berufsschulen und vor allem für die Lehrer- und Erzieherausbildung dagegen gibt es schon seit Jahren ausgearbeitete Idee, didaktische Konzepte und Anforderungsprofile (z.B. von der Gesellschaft für Informatik, Fachgruppe Informatische Bildung NRW, siehe bspw. hier und hier. Hier muss nur umgesetzt werden. Auch was eigentlich genau Informatik in der Bildung umfassen muss, hat erst kürzlich ein erlauchter Kreis an Informatikdidaktikern für den deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Dagstuhl Erklärung – Bildung in der digitalen vernetzten Welt“ (pdf) unter viel Beifall zusammengefasst. Alles da und wohl überlegt. Nötig ist es allemal, auch unter Gesichtspunkten der Bildungsgerechtigkeit, wie Prof. EICKELMANN (pdf) klar macht.

Und was z.B. bei unseren Nachbarn in GB durch unermüdliches Erklären von Koryphäen wie Simon Peyton Jones (youtube) erreicht wurde ist vorbildlich. Nicht user sondercreator sind hier das Leitbild. Und Stephan NOLLER (unter anderem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums) hat gerade in der ZEIT-online in Hinblick auf diesen Vorstoß in GB (hunderttausende Micro:Bit Bastelcomputer angeschafft etc.) nochmals eindrücklich darauf hingewiesen, dass uns solche Antworten auf die Disruption durch die Digitalisierung fehlen. Die Forscher OSBORNE und FREY von der Universität Oxford prognostizieren dabei nicht weniger als den Wegfall oder grundlegende Wandel etwa der Hälfte aller Arbeitsplätze in den nächsten 20 Jahren, also dann, wenn die gerade Geborenen auf dem Arbeitsmarkt ankommen.

Auch in den USA ist man nicht faul, sondern mit verschiedensten Konzepten wie z.B. der Einführung von Informatik als Alternative zu einer zweiten Fremdsprache durchaus ambitioniert. Allen ist klar: Computer Science for all ist der notwendige Schritt. Nur bei uns sind es erst drei Bundesländer und auch dort liegt noch vieles im Argen. Vor allem die Lehrkräfte und Erzieher, die es hier braucht, wachsen natürlich nicht auf Bäumen. Hier wird es eine Umbruchs- und Übergangsphase geben müssen. Aber wenn man nicht Informatik als Pflichtfach einführt und entsprechend viele Informatikanteile ins Bildungssystem implementiert, werden sich wenig Informatiker für eine Tätigkeit im Bildungssektor entscheiden. Schon jetzt braucht die Wirtschaft mehr Informatiker, als es auf dem Markt gibt. Und es werden sich natürlich auch weiterhin viel zu wenig Lehramtsstudenten für den Fachbereich Informatik interessierten, solange Informatik nicht Pflichtfach ist, also nur wenige Schulen sicher/nachhaltig Informatiklehrkräfte einstellen.

Da habe ich dann auch kein Verständnis mehr für die reflexartigen Klagerufe der heutigen Lehrer, Direktoren und Schulpolitiker, dass doch bitte nicht alles über immer neue Schulfächer und Umgestaltung von Schule/Bildung zu leisten sein. Oder gar so daneben greifende Vergleiche, für die Gesellschaft von Morgen müssten Ökonomie und Ökologie doch auch endlich Pflichtfach werden. Sorry, nein, das ist nun wirklich nicht dieselbe Ebene. Ökonomie und Ökologie durchdringen zwar unsere Gesellschaft immer mehr, dem stimme ich 100% zu. Weil diesen Themen aber keine eigene, keine grundlegend andere/neue Denke innewohnt, die dann so grundlegend unsere Gesellschaft verändern wird, wie bei der Digitalisierung, sprechen wir von der Zukunft ja nicht etwa als der Wirtschaftsgesellschaft oder der Öko-Gesellschaft. Nein. Wir sprechen von der Kommunikationsgesellschaft und ihrer Dialektik und Dynamik (MÜNCH, 1991 und 1995) oder heutzutage eben von der heraufziehenden Digitalen Gesellschaft. Darum ist es hinreichend, die wichtigsten Inhalte/Konzepte der Ökonomie und der Ökologie in die Inhalte/Curricula der anderen Fächer zu integrieren. Genau das aber, ein rein integrativer Ansatz ohne Anbindung an die lange wissenschaftliche Tradition und Lehrstühle mit der Informatik zu versuchen, wie etwa beim preisgekrönten Weg in NRW, reicht leider nicht … bzw. nicht mehr. Digitalisierung ist viel disruptiver und die Disruptionen durch die Digitalisierung und Vernetzung viel schneller und umfassender als viele es bisher verstanden haben. Hier müssen wir einen echten Schwerpunkt setzen, wenn wir international nicht den Anschluss verlieren wollen.